27.06./28.06.2015, Sonnabend/Sonntag – das Grab

In der Dunkelheit liege ich voller quälender Gedanken im Bett. Sie kreisen um den Tod, darum, wie es war, als Jens noch lebte, und verjagen den Schlaf. Aber selbst endlos erscheinende Nächte finden stets ein Ende.
Mit brummendem Kopf stehe ich auf und verrichte die morgendlichen Dinge, die notwendig sind. Wie gut, dass wir über Reflexe gesteuert werden, die in uns Automatismen auslösen, damit das Leben funktionieren kann. Der Wille ist nahezu außer Kraft gesetzt, da mich die Erinnerung an die Beerdigung lähmt. Wir sind zutiefst bestürzt. Das Begräbnis können wir kaum erfassen. Wir wären doch an der Reihe gewesen und nicht er im Alter von 37 Jahren.
Der Alltag fordert Pflichten ein, er schreitet unbarmherzig voran, egal ob man dazu bereit ist. Meine Haut protestiert mit brennender Blasenbildung. »Vermutlich eine Autoimmunerkrankung«, kommentiert der Arzt.
Den Tag nach der Beisetzung haben wir mit Hans, Annemie und Melanie verbracht. Ich zeigte einige Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Stimmung war gedrückt. Die Mutter von Melanie wischte sich ständig die Augen trocken. Sie weinte lautlos. Jens nahm und nimmt in ihrem Herzen einen großen Platz ein. Wenn er sie besuchte, brachte er den Sonnenschein in ihre Wohnung.
Obwohl uns das Beisammensein aufgrund der speziellen Situation angestrengt hat, tat es uns gut. Ich schöpfe daraus Kraft und finde Trost in den gemeinsamen Gesprächen.
Heute sind sie wieder nach Xanten/Düsseldorf zurückgekehrt.
Das erste Mal seit der Beerdigung stehe ich bei vollem Bewusstsein vor dem Grab. Dieser Erdhügel ist ein Zeichen seines Todes. Jeder kann es sehen. Der Zustand ist absolut, endgültig: Jens ist tot. Mit ihm wurde jegliche Hoffnung auf ein Wiedersehen begraben.
Bereits aus der Ferne leuchten die lebensfreudigen Farben der Blumen, die die Gäste vorgestern auf und um das Grab herum gelegt haben. Er liebte es bunt, und das wissen die meisten.
Sein bester Freund hat den Grabschmuck liebevoll gestaltet. Ihre Freundschaft verstärkte sich bei kilometerlangen Radtouren durch Deutschland und die Tiroler Berge. Zusammen genossen sie die Schönheiten der Natur.

k-20150628_161112Das beweisen ein kleines Fahrrad, eine übergroße Kastanie sowie ein künstlicher Pilz, die uns aus dem Gesteck im Schein der Sonne entgegenleuchten. Glänzende knallrote Erdbeeren aus Plast dienen als Anspielung auf die Erdbeerfeten auf unserem Balkon, zu denen wir auch die Jugend einluden. Ein eingeschweißtes Foto, das die beiden »Jense« zeigt, darf nicht fehlen. Auf den Zierbändern, die die Pflanzen zusammenhalten, lese ich: »Danke für deine Freundschaft« und auf dem anderen: »Du und die schöne Zeit mit Dir bleiben unvergessen«.
Die Blumen, die wir gestern auf das Grab gelegt haben, ziert eine beigefarbene Schleife mit breiten Bändern, auf denen der Spruch steht: »Deine Fröhlichkeit fehlt uns«.20150628_154431_verklWir sprenkeln die Gestecke mit Wasser, mein Mann legte eine Tafel der Lieblingsschokolade von Jens darunter. Eine alte Marke aus der DDR.
Wir halten uns lange auf. Zum Abschied heben wir die Hände zum Gruß und sagen: »Tschüss, Jens.«
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “27.06./28.06.2015, Sonnabend/Sonntag – das Grab”

  1. Sehr geehrte Frau Voß,
    erst gestern erfuhr ich von meinem jungen Mitarbeiter, dem Japanisch-Sprachlehrer Horie Hiroyuki (einst hat er gemeinsam mit Jens hier an der Leipziger Japanologie studiert), welch tragisches Schicksal Jens ereilt hat – mich überzog eine Gänsehaut! Sehen Sie mir bitte nach, dass ich mich nun ungefragt, spontan auf diese Weise in Ihrem Blog melde, um – ja was?!… Ihnen beiden als Eltern mein Mitleid auszusprechen? Ist das angemessen? Seien Sie vergewissert: schon beim ersten Nennen von Jens‘ Namen stand mir sofort sein lachendes Gesicht vor Augen, er gehörte zu unseren Besten, sogleich habe ich mich an das Thema seiner Magisterarbeit erinnert (zur Kaufhaus- und Massenkultur in Japan…), was keineswegs normal ist bei mittlerweile Hunderten von Absolventen, die wir „in die Welt hinaus“ geschickt haben… Um so größer meine Bestürzung, als Horie-kun dann fortfuhr und erzählte, was passiert ist. Später dann – ich erinnere u.a. mich an einen heißen Juli-Tag am Kulkwitzer See, 2008 … Mein Sohn (wenig jünger als Jens, lebt in Berlin) nahm an einem Marathon teil und ich war dort, feuerte ihn an, weil er in der glühenden Sonne beim Laufen „schlapp zu machen“ drohte – und plötzlich kommt Jens auf mich zu, und obwohl er schon vor vier Jahren mit dem Studium fertig geworden war, hatte ich das Gefühl, er sein immer noch „mein Student“…
    Nein, ich möchte Sie mit diesen Zeilen nicht noch trauriger stimmen, sondern Ihnen einfach mitteilen, dass er für mich unvergessen ist und bleibt – in der Hoffnung, dass Ihnen das etwas Trost spendet.

    Erst vor wenigen Tagen habe ich ähnliche Zeilen an ein anderes Elternpaar einer ehemaligen Studentin geschickt, sie war kurz vor der Dreifachkatastrophe „Fukushima“ an einer Krankheit gestorben… Ich kann Ihre Worte: Wieso er? Wir sind doch zunächst erst einmal „dran“… gut verstehen, auch wenn sie mich nicht so unbarmherzig nahe – aber doch auch – (be)treffen.

    In stillem Gedenken, und Ihnen und Ihrem Mann Erträglichkeit des Unerträglichen wünschend verbleibe ich als
    Jens‘ ehemalige Lehrerin,
    Prof. Dr. Steffi Richter

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