25.06.2015, Donnerstag – Anteilnahme

Die Zeit verstreicht unerbittlich. Morgen findet das Begräbnis statt. Wir haben solch eine fürchterliche Angst davor. Was soll Jens in einem Grab, er gehört ins Leben. Leider ist Lamentieren zwecklos. Es bleibt, wie es ist.
Das Mitgefühl der Menschen ist beeindruckend. Freunde, die aus verschiedenen Gründen nicht an der Beisetzung teilnehmen können, melden sich, um uns mitzuteilen, dass sie ganz fest an ihn denken und Kerzen anzünden wollen.
Daraus schöpfe ich etwas Trost.
Beispielsweise lese ich in einem Brief aus Japan, geschrieben von unserem langjährigen Freund, Seiji-san:

»… Jens war wirklich ein guter und herzlicher Mann … Wenn ich an ihn denke, erinnere ich mich immer an sein strahlendes Lächeln … Seine schöne Seele hat er zweifellos von seinen Eltern bekommen. Keiner versteht, wieso ihr dieses Leiden ertragen müsst … Es tut mir sehr leid, dass ich mich an der Beerdigung nicht beteilige. Ich möchte doch morgen um 16.00 Uhr japanische Zeit (9.00 Uhr in Deutschland) an Jens denken und für ihn beten, vielleicht in einer Raststätte auf der Tohoku-Autobahn.«

Er beherrscht die deutsche Sprache. Mir ist bekannt, dass er eine lange Autofahrt vor sich hat. Ich bin überzeugt, dass er zum Zeitpunkt der Bestattung das Fahrzeug stoppen wird, um mit der Familie für Jens zu beten. Er macht das. Ich bin gerührt. Japan ist so weit entfernt.

Eine Freundin schreibt:

»… In den letzten drei Monaten verging kein Tag, wo ich nicht an euch gedacht habe.
Morgen werde ich in Gedanken den ganzen Tag bei euch sein; ich wünsche euch sehr viel Kraft!«

Ich weiß, dass sie im Aachener Dom täglich eine Kerze für Jens anzündet.

Gestern haben wir mit dem Steinmetz Kontakt aufgenommen. Neben dem Grabstein meiner Eltern soll ein kleinerer Stein aufgestellt werden, der in Farbe und Schrift mit ihm harmoniert. Leider lagert ein passendes Musterbeispiel in einer anderen Zweigstelle der Firma, die wir nach der Beerdigung aufsuchen möchten. Wir wollen den Stein für Jens genauestens begutachten.
Am Nachmittag beschließen wir, in den Zoo zu gehen, denn die innere Unruhe vor dem morgigen Tag macht uns zu schaffen. Wir besitzen seit einigen Wochen Abo-Karten, die uns Bekannte verbilligt beschaffen konnten. Vielleicht lenken uns die Tiere ein bisschen ab. Doch weit gefehlt, stets stelle ich Bezüge her zu Jens, dem Tod und dem Schmerz – sogar im Zoo:
Wir stehen vor der Elefantenanlage, und ich erinnere mich, dass Ende März das sechs Tage alte Elefantenmädchen eingeschläfert werden musste. Es war sehr krank. Die Tierpfleger gaben den Elefantendamen die Möglichkeit, ihren Nachwuchs zu betrauern, sich von ihm zu verabschieden. Ein Foto ging durch die Medien: Die Kühe streckten ihre Rüssel aus und betasteten den kleinen toten Elefanten, der vor ihnen lag. Dieses Bild hatte die Emotionen zutiefst aufgewühlt.
Wissenschaftler behaupten, sie seien nur verstört, weil ihr Artgenosse keine Regung mehr zeigt. Jedoch bin ich überzeugt, dass auch sie trauern. Ich habe gelesen, dass Elefanten bestrebt sind, immer wieder den Ort aufzusuchen, an dem ihr Gefährte ums Leben gekommen ist. Parallelen drängen sich auf.
Am Abend klingelt es an der Tür. Einige Hausbewohner warten davor, der eine trägt ein Grabgesteck mit großen Blumen. Ich bitte sie herein. Erst durch die Todesanzeige haben sie erfahren, dass Jens in dem mörderischen Flugzeug saß. Worte der Anteilnahme sprudeln über ihre Lippen. Sie sind geschockt.
»Ich muss meine Frau entschuldigen, aber sie fängt bei dem Thema sofort an, fürchterlich zu weinen. Unsere Tochter flog nur zwei Wochen vor dem Absturz die gleiche Strecke nach Barcelona und zurück.«
»Es hätte jeden von uns treffen können«, ergänzt ein Nachbar.
Sie übergeben uns den Grabschmuck, damit wir ihn morgen auf das Grab legen.
Ich bin verblüfft und angenehm berührt.
© Brigitte Voß

Advertisements