18.06.2015, Donnerstag – vergilbte Fotos

Es ist ruhig geworden, was nach dem Trubel und Ärger der letzten Wochen ungewohnt für uns ist. Wir sind allein, und da es nur noch wenig zu organisieren gibt, wissen wir kaum etwas mit uns anzufangen. Ich versuche, den Zustand zu ändern, indem ich das nagelneue Smartphone hervorhole und dessen Geheimnisse erkunde. Ich berühre den Bildschirm, probiere die Apps aus, suche neue oder lese im Handbuch. Wider Erwarten finde ich keine Ablenkung. Die Stimmung ist geknickt, die Konzentration dahin.
Das Einzige, was für uns funktioniert ist, an die frische Luft zu gehen und schweigend nebeneinander her zu laufen. Aber dazu müssen wir uns mit aller Kraft überwinden.
Am Nachmittag sitze ich lustlos auf dem Balkon herum. Mit dem Willen, mich irgendwie zu beschäftigen, hole ich die Fotos aus dem Nachlass der Eltern hervor. Die Fotografien sind teilweise vergilbt, die frühesten stammen aus den Zwanzigerjahren.
Ein viel zu dünner Junge mit einer kreisrunden Brille auf der Nase, grinst mich altklug an. Ich erkenne Vater. Das Bild mit gezacktem weißem Rand zeigt ein Mädchen. Sie trägt ein blaues Hängekleid sowie helle Kniestrümpfe. Auf dem Haar thront ein selbstgeflochtener Blumenkranz. Es ist Mutter.
Ich bin so froh, dass beide den Tod ihres geliebten Enkels nicht mehr erleben mussten. Sie hätten es kaum überstanden.
Die gesamte Generation, außer meine hochbetagte Tante, ist ausgestorben. Jene Ära ist vergangen. Über sie wächst das Gras des Vergessens. Im Laufe der Zeit wird keine Person mehr leben, die sich an sie erinnert. So wird es Jens ergehen, uns allen ergehen.
Die meisten Männer, die ich auf den Aufnahmen sehe, mussten Schlimmes erleiden. Zum Beispiel Opa. Zwei Kriege hinterließen in seiner Seele Narben. Er überlebte. Nie hat er von den grausamen Erlebnissen gesprochen. Er wurde er herzkrank und starb zu früh.
Vater geriet während des Zweiten Weltkrieges in sibirische Gefangenschaft und hatte das Glück, diese zu überleben. Er redete und schrieb darüber. Ich las das Kriegstagebuch, das er kurz nach der Heimkehr aus der Erinnerung heraus geschrieben hatte. Die Russen hatte ihm das Original abgenommen. Er beschrieb die unmenschlichen Entbehrungen sowie die Brutalität und die Sinnlosigkeit des Krieges. Er hatte Gewalt überstanden. Unser Kind leider nicht.
Jene Gewalt begleitet seit Urzeiten das Leben, sie ist fest mit ihm verzahnt und zeigt derzeit deutlich ihre Fratze. Warum ist das so? Warum töten Menschen Menschen?
Immerhin durfte Oma erleben, wie erst ihr Mann und wenige Jahre später der Sohn unverhofft vor der Tür standen. Die Lieben kehrten zurück. Ihre Freude muss doch unermesslich gewesen sein!
Unwillkürlich stelle ich mir vor: Es klingelt, ich öffne die Tür und Jens … Nie wird das geschehen. Seine DNA wurde ermittelt und damit jegliche Chance auf ein Überleben zerstört. Was ist besser? Gewissheit oder Hoffnung?
Jens wurde ermordet!!!
Mein Mann unterbricht mich aus den trübsinnigen Gedanken. Aufgeregt wedelt er mit Papieren vor meiner Nase herum. »Hier steht überall dein Mädchenname. Die Dokumente stimmen nicht!«
Unruhe machte sich breit. Was hat das für Folgen? Kann die Beerdigung stattfinden? Die Nerven sind eh am Boden, und nun wieder das.
Wir beschließen, niemanden darauf hinzuweisen. Sollte es mit den Bescheinigungen Probleme geben, können wir nachweisen, dass wir verheiratet sind. Das müsste genügen.
Infolge der Erlebnisse der letzten Tage haben wir die E-Mail übersehen, die mitteilt, dass durch die Anwendung des französischen Rechts einige Urkunden nicht mit dem nach deutschem Gesetz geführten Familiennamen ausgestellt worden sind. Das Generalkonsulat in Marseille hätte sich an die betroffenen inländischen Standesämter gewandt, um im Falle von auftretenden Schwierigkeiten Amtshilfe zu leisten.
Immer diese Komplikationen!
© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s