17.06.2015, Mittwoch – der Trauerredner

Die Vorbereitung der Beerdigung ist in vollem Gang. So hake ich Schritt für Schritt die Punkte ab, die ich auf einen Zettel zusammengefasst habe.
Die Familie möchte die Trauerfeier mit einer kurzen Zusammenkunft der Gäste ausklingen lassen. Ich bin überzeugt, dass ich unmittelbar nach der Beisetzung unseres Sohnes keine Kraft mehr haben würde, mit Menschen zu reden, auch wenn ich sie mag. Trotzdem habe ich nachgegeben. Ich greife zum Telefon, um in einem Restaurant, das wir vom Friedhof aus bequem zu Fuß zu erreichen können, Plätze zu bestellen. Meine betagte Tante hat es uns empfohlen. Die Reservierung für rund 50 Personen klappt.
So sehr uns der Schwebezustand zwischen der mörderischen Germanwings-Katastrophe bis zur Überführung des Sarges mit all ihren Widrigkeiten gequält hat, ist das, was jetzt kommt, ein erneuter Albtraum. Die Bestattung nimmt immer klarere Züge an und wird zur Realität. Es geht nicht, sein Kind zu beerdigen. Für mich ist das ein unverzeihlicher Fehler im System. Es fühlt sich falsch an. Ich muss aus diesem bösen Traum aufwachen, da ich das Gefühl habe durchzudrehen.
Melanie plant für Ende August eine zusätzliche Gedenkfeier in Düsseldorf für all die Freunde von Jens, die verhindert sind, zum Begräbnis nach Leipzig zu kommen.
Sie weilt noch bei uns, da wir heute den Grabredner erwarten. Morgen wird sie zurück nach NRW fliegen.
Wir beschließen, in einer idyllischen Gaststätte, nur zwanzig Autominuten von uns entfernt, zu Mittag zu essen.
Die Sonne scheint, es ist warm, sodass wir die Freisitze wählen. Die uralten knorrigen Bäume des Auwaldes umgeben uns. Sie spenden Ruhe und Schatten.
Bei dem strahlenden Wetter lockt die Natur. Nach dem wir gegessen haben, spazieren wir durch die geschützte Auenlandschaft, was uns guttut. Wir sind erstaunt, wie lange wir bereits laufen und regelrecht stolz auf die Leistung.
Unterwegs sehen wir zwei Nester, in denen die Störche mit der Aufzucht ihrer Jungen beschäftigt sind. Selbst das erinnert mich an Jens. Szenen seiner Kindheit tauchen vor meinem inneren Auge auf. Es tut einfach nur weh, so weh …
Wir sind wieder in der Wohnung, wo wir den Trauerredner erwarten. Auch Thomas konnte sich von der Arbeit loseisen.
Auf die Minute genau schellt die Klingel. Ich hole die Stichpunkte hervor, die ich notieren musste, da ich unter einer Vergesslichkeit leide, die allmählich chronisch wird.
Nachdem der Redner sein Beileid ausgedrückt hat und wir uns über das schreckliche Vorkommnis ausgetauscht haben, zieht er ein dickes Heft im DIN A4-Format aus der ledernen Aktentasche und klappt es auf. Mit langsamen Bewegungen zückt er einen Füller und dreht die Kappe ab. Wie in Zeitlupe legt er sie akkurat hinter das Schreibbuch, das er erneut zurechtrückt.
Er fragt, wir antworten und teilen mit, was wir in der Ansprache hören wollen. Oft wiederholt er, um sich zu vergewissern, dass er die Fakten im richtigen Sinne verstanden hat. Er schreibt in scheinbar abgemessenen Schriftzügen, jedoch ungewöhnlich flott in das linierte Buch. Bereits vor einem Jahr lag es auf diesem Tisch. Damals machte er Notizen nach dem Tod meiner Mutter.
Melanie überreicht ihm eine CD mit der Musik von den Piano Guys, die sie für die Trauerfeier ausgesucht und uns vorher vorgespielt hat. Uns allen gefällt sie, sie passt zu Jens und er mochte sie.
Nachdem uns der Redner den Ablauf der Zeremonie erklärt hat, verabschiedet er sich.
Wir sitzen noch eine Weile zusammen.
© Brigitte Voß

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