16.06.2015, Dienstag – die Überführungsdokumente

♦ ZWÖLF WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wir sitzen erneut am Tisch des Bestattungsinstituts. Seit der gestrigen Überführung können wir die Beerdigung genau planen. Wir geben der Mitarbeiterin einen Wunschredner an, den sie uns prompt organisiert. Ich atme auf. Letztes Jahr hatte er die Trauerrede für meine Mutter gehalten, wobei er in sachlicher Art und Weise ihr Leben schilderte, ohne einen gefühllosen Eindruck unter den Gästen zu hinterlassen. Er vermied, künstlich Emotionen zu schüren, die zusätzlich die Tränendrüsen der Trauernden anregten. Die Qualität solch einer Rede misst sich für uns nicht in der Menge der Taschentücher, die dabei verbraucht wird.
Wir wissen, dass es Hinterbliebene gibt, die trotz der fürchterlichen Bedingungen in den Sarg sehen wollten. Das lehnen wir ab. Ich möchte mich an Jens erinnern, so wie er war – lebendig. Dieses Gedenken soll nicht von dem Anblick eines unverschlossenen Behälters überdeckt werden, in dem eine undurchsichtige Folie die Reste seines Körpers verschließt.
Wir blättern in einem Urnenkatalog, den wir letztendlich mit nach Hause nehmen dürfen, um uns zu entscheiden. Die Auswahl fällt schwer, weil die Urnen traurig und farblos wirken. Jens war eine bunte Persönlichkeit.
Beim Abschied drückt die Bestatterin meinem Mann ein Bündel Dokumente in die Hand, die den Sarg aus Frankreich begleitet haben.
Die Familie beschließt, in den Zoo zu gehen. Allerdings finde ich keine Zerstreuung. Das einzig Wichtige dabei ist, nicht auf der Couch zu sitzen und endlos zu grübeln.
Am Abend studieren wir die Schriftstücke, die für die Überführung notwendig gewesen sind. Meist sind sie in französischer Sprache abgefasst. Die Papiere rascheln, werden flüchtig betrachtet und weitergereicht.
Ich versuche, mich zu konzentrieren, um zu übersetzen.
»Ich hole mal einen Cognac. Wer will noch?«, fragt mein Mann.
Wir wollen.
Er kommt zurück und stellt die Flasche auf den Tisch. Das war gut so, denn bei einem Glas für jeden würde es wohl nicht bleiben.
Auf dem Totenschein lese ich die Todesursache. Ich entziffere die handschriftlichen Wörter: »Polytraumisme, Fragmentation« sowie »Catastrophe Aérienne.« (Polytrauma, Fragmentation – infolge eines Flugzeugabsturzes.)
›… hervorgerufen durch Mord‹, vollende ich in Gedanken den Satz.
Die Bestattungserlaubnis trägt die Unterschrift des französischen Staatsanwaltes Brice Robin. Aus ihr geht hervor, dass Jens laut eines Identifizierungsprotokolls am 15. Mai identifiziert wurde.
Ich trinke einen tiefen Schluck und überlege, was wir am 15. Mai gemacht haben. Keine Ahnung. Mein Gedächtnis ist leer.
Ein Schriftstück in englischer Sprache bringt mich aus dem Gleichgewicht. Unter der Überschrift »Description of Deceased« versuche ich, die krakelige Handschrift zu entschlüsseln, die benennt, welche menschlichen Überreste von Jens in dem Sarg liegen.
Es ist nicht viel. Ich schweige und werfe es zurück auf den Stapel, um es nach einigen Sekunden abermals zur Hand zu nehmen. Es bleibt dabei, der Mensch Jens besteht nur noch aus den wenigen Teilen, die im entsprechenden Dokument konkret aufgeführt sind. Erneut lege ich es zu den Unterlagen.
Ein weiteres Papier genehmigt das Schließen des Sarges. Ich erkenne eine Transportgenehmigung, das könnte der Leichenpass sein, auch eine Bescheinigung zur Einsargung existiert … Und immer wieder greife ich das einzige englischsprachige Schreiben heraus, bis ich meine Familie darauf hinweise und frage, ob sie es lesen wollen. Es schockiert zu erfahren, wie wenig doch von Jens zurückgekommen ist.
Wir trinken. Die Stille im Zimmer lastet schwer.
© Brigitte Voß

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