15.06.2015, Montag – Jens kommt zurück

Am Abend werden wir Jens empfangen.
Stets haben wir ihn zur Begrüßung umarmt. Das wird nie wieder möglich sein, weil er in einem Sarg zurückkehrt. Unser Sohn in einem Sarg! Das ist abartig, und doch ist es wahr.
Melanie wird ihn begleiten. Seit gestern ist sie in Marseille und fliegt heute über Frankfurt zum Airport Leipzig-Halle. In der Mainmetropole ist ein längerer Aufenthalt vorgesehen, da allein für das Umladen der »Sonderfracht« in den Anschlussflieger zwei Stunden einkalkuliert werden.
Wir und die Familie von Thomas treffen uns im Bestattungsinstitut, um mit der Mitarbeiterin die Organisation des heutigen Abends abzusprechen.
Wir erfahren, dass ihre Kollegen die Örtlichkeiten am Flugplatz besichtigt und sich über den Ablauf der Ankunft informiert haben. Der Sarg werde in einem separaten Raum aufgestellt, wir möchten keine Musik haben, aber Blumen ablegen.
Die Bestatterin bietet an, während der kurzen Zeremonie auf die zweijährige Sassa aufzupassen, sie könne gut mit Kindern. Wir lehnen ab, die Kleine soll bei uns bleiben, außerdem fängt sie bei fremden Menschen oft an zu weinen.
Wir besprechen die Beerdigung, die in greifbare Nähe gerückt ist. Mit dem Sarg sind aus dem Ausland eine Vielzahl von Dokumenten gekommen. Sie werde sie studieren, und, wenn erforderlich, übersetzen lassen. Das würde wenig Zeit in Anspruch nehmen. Sie weiß, dass wir die Bestattung nicht lange aufschieben wollen, dass wir sie gern noch im Juni hätten. Schwierigkeiten könnte die beginnende Urlaubszeit bereiten.
Wir verabschieden uns.
Wieder zuhause ruft sie an, um uns den frühestmöglichen Beerdigungstermin mitzuteilen. Es ist der 26.06., 9:00 Uhr.
Wir atmen auf, endlich haben wir einen Termin.
Allerdings sei er etwas unsicher, da auch das Gesundheitsamt grünes Licht für das Begräbnis geben müsse.
Sie sagt mit wild entschlossener Stimme: »Ich regele das. Das habe ich im Griff.«
Wir sind traurig und froh zugleich.
Der Abend naht. Mir wird immer mulmiger zumute. Thomas und Susi sind mit der gut gelaunten Tochter bei uns, da wir gemeinsam zum Flughafen aufbrechen wollen.
Am späten Nachmittag soll die Maschine mit Melanie und Jens in Leipzig landen.
Es klingelt. Draußen warten die resolute Bestatterin sowie einer ihrer Kollegen. Sie bringen uns mit dem firmeneigenen Fahrzeug zum Airport.
Das Auto parkt auf einen Sonderplatz, von wo aus uns Flughafenpersonal abholt. Sie führen uns in einen gesicherten Bereich. Wir sollen Platz nehmen. Getränke stehen bereit.
Die Enkelin plappert munter drauf los. Sie ist zu jung, um zu verstehen. Die Eltern haben ihr erklärt, dass sie sich einen Kasten aus Holz und ein Foto von Jens ansehen wollen. Wenn sie älter ist, wird sie wohl keine Erinnerung an ihren Onkel haben. Das bedauern wir sehr.
Eine Frau kommt auf uns zu und teilt mit, dass die Freundin von Jens gelandet sei und in einigen Minuten erscheinen werde.
Nach kurzer Zeit erscheint sie in der Tür. Wir umarmen uns. Sie ist aufgewühlt und erzählt, dass sie beim Umladen des Sarges in Frankfurt zusehen konnte und alles gut verlief. Der Laderaum, in dem sich die besondere Fracht befand, habe sich unter ihrem Platz im Flugzeug befunden.
Die Angestellten haben sich beeilt. Wir dürfen den Raum mit dem Sarg betreten.
Ich weiß nicht, was ich von dem Anblick halten soll: Da steht ein Sarg. Ist darin wirklich unser lebensfrohes, optimistisches Kind? Seine menschlichen Reste?
Obgleich oder gerade weil die reale Brutalität in aller Härte zupackt, ist es in meinem Inneren ungemein leer. Die nackte Wahrheit hat die Oberhand gewonnen. Als wolle ich sie endgültig begreifen, trete ich einen Schritt vor und berühre den Sarg. In mir ist ein Vakuum, das einfach nur schmerzt. Die Hände ruhen wie Blei darauf …
Wir legen die mitgebrachten Blumen auf den Sarg, den die Kerzen in ein warmes Licht tauchen.
Wir stehen um ihn herum und streichen über das Holz. Die Taschentücher reichen kaum.
Sassa steht vor dem Tisch und betrachtet ein Foto, das Thomas aufgestellt hat. Es zeigt die beiden Brüder, wie sie Arm in Arm nach einem Triathlon erschöpft, aber im ganzen Gesicht strahlend, in die Kamera schauen. Sassa erkennt sie.
»Papa und Onkel Jens«, höre ich sie sagen.
Irgendwann gehen wir. Wir fahren hinter dem schwarzen Fahrzeug her, dass den Sarg zum Bestattungsinstitut transportiert, wo wir sein Ausladen beobachteten.
Ein Bestatter fährt uns nach Hause.
© Brigitte Voß

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