12.06.2015, Freitag – Tag der Erlösung

Es ist vergebliche Mühe, abends ins Bett zu gehen. Ich schlafe kaum noch. Letzte Nacht hat mich erneut unregelmäßiges Herzschlagen gestört, das Reich der Träume zu betreten. Gelange ich dennoch dahin, erwache ich wegen eines Albtraumes mit rasendem Puls und schwerer Atmung.
›Wieso sollen wir Jens in Berlin abholen? Die Germanwingsvertreter hatten uns beim Treffen der Notfallseelsorge versprochen, dass er auf dem Flugplatz Leipzig-Halle ankäme! Warum dürfen wir den Sarg nicht in Würde und Stille auf dem Airport empfangen? Die Angehörigen aus NRW durften das doch auch!?‹
Fragen über Fragen hämmern durch meinen Kopf und verhindern den Schlaf. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere, bis ich schließlich aufstehe, um einen Beschwerdebrief an den Rechtsanwalt zu schreiben. Ich beginne:
»Ist unser Sohn Jens ein Opfer zweiter Klasse?
Während die Halterner, Nordrhein-Westfalener in Ruhe ihre Lieben begraben können, werden wir gezwungen, darum kämpfen.
Das Hin- und her mit Germanwings ist haarsträubend, und unsere Geduld ist am Ende. Hinzu kommt, dass wir sämtliche, diesbezügliche Informationen einfordern müssen, von allein tut sich nichts …« Der Brief wird lang.
Ich stelle den Computer aus und atme auf. Mir geht es etwas besser. Wieder im Bett, bleibe ich erneut wach. Endlich beginnt der Tag.
Wir informieren die Bestatterin über das neue Ankunftsziel Berlin.
Alsbald erhalten wir von Melanie aus Paris Bescheid, dass sie die Möglichkeit habe, den Sarg von Marseille nach Berlin zu begleiten. Die Flugdaten kenne sie bereits. Auch sei das Beerdigungsinstitut durch Fluggesellschaft genauestens instruiert.
Ich überarbeite das letzte Nacht verfasste Schreiben, wobei ich unsachliche Beschimpfungen gegenüber Germanwings streiche, und sende es an den Rechtsanwalt sowie den Sonderbeauftragten der Bundesregierung, der als Ansprechpartner für die Angehörigen eingesetzt worden ist.
Wir rufen das Bestattungsinstitut an, um die genaueren Daten durchzugeben. Entgegen der Mitteilung vom Carecenter wissen sie diese nicht. Wir bleiben ruhig, sind wir doch so etwas zur Genüge gewöhnt. Kaum ist das Gespräch beendet, meldet sich das Telefon wieder.
Ein Wunder geschieht: Wir erfahren vom Carecenter, dass einer Überführung nach Leipzig nichts mehr im Wege stünde. Jens käme folgenden Montag an.
Wie bitte? Verhören wir uns? Auch die Flughafenkapelle könnten wir zum Empfang des Sarges nutzen.
»Wir tun alles, so wie Sie es gern wollen.«
Wir glauben, zu träumen. Die Beschwerde, die ich drei Stunden vorher an den Rechtsanwalt abgeschickt habe, hat viel bewirkt.
Es folgt ein Dauergespräch mit der Bestatterin. Sie sei bereits bestens durch Germanwings informiert und habe dabei die Gelegenheit genutzt, sich über die rüde Behandlung des Callcenters ihr gegenüber zu beschweren. (Das wird heftig gewesen sein, denn sie ist ein rauer, aber herzlicher Typ.)
Sie fährt fort: Eine direkte Übergabe an uns sei vom Hangar aus nicht möglich.
Da die Flughafenkapelle zu klein für einen Sarg sei, habe die Lufthansa einen Extraraum, abgeschirmt vor der Öffentlichkeit, organisiert, wo wir in Ruhe Jens empfangen können – mit Kerzen, Blumen – wie wir es wünschen. Mitarbeiter vom Bestattungsinstitut würden sich die Räumlichkeiten ansehen.
Wir vereinbaren einen Termin, um Weiteres zu besprechen.
Das Gespräch ist beendet. Wir sind hochzufrieden. Sogleich macht sich das Telefon erneut bemerkbar. Eine hohe Vertreterin von Germanwings ist am Apparat. Sie fragt, ob jetzt alles in Ordnung sei und entschuldigt sich mehrfach. Sie ist genauso fassungslos über das Geschehene wie wir.
Melanie, die über die überraschende Wendung informiert wurde, fliegt zurück nach Düsseldorf. Am Sonntag möchte sie nach Marseille fliegen, um den Sarg zu begleiten.
Uns ist wirr im Kopf.

© Brigitte Voß

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