11.06.2015, Donnerstag – wir starren auf das Telefon

Die Nacht treibt mich die Unruhe, wie so oft, aus dem Bett. Ich weine viel. Bei Sternenhimmel weile ich auf dem Balkon und überlege, ob ich die Medien einbeziehe. Für ein gewisses Boulevardblatt wäre unsere Situation bestimmt eine Schlagzeile wert. Letztendlich verscheuche ich den Gedanken, denn zusätzliche Aufregung kann ich nicht gebrauchen.
Vormittag versuchen wir, uns im ZOO abzulenken. Die neu eröffnete Freianlage »Kiwara Kopje« für die Nashörner, Geparden und Affen zieht uns in ihren Bann.
Eine E-Mail von Melanie aus Paris trifft ein. Sie fühlt sich im Stich gelassen. Die vor Ort befindlichen Vertreter von Germanwings sind unbegreiflicherweise nicht in der Lage, ihr mitzuteilen, wie es weitergehen soll. Ihr wird geraten, von Paris aus das Carecenter anzurufen, mit dem ich bereits permanent in Kontakt stehe. Seit dem gestrigen Abend probiert sie das, ohne eine Verbindung zu bekommen. Aus ist es für uns mit der Ablenkung. Wir fahren nach Hause.
Ich telefoniere mit Germanwings. Mein Zorn schallt durch den Raum. »Wieso erfährt die Freundin von Jens keine Flugdaten nach Marseille? Warum wird sie in Paris nicht informiert? Wann kann sie den Sarg von Marseille aus nach Leipzig begleiten?«
Die Angestellte macht wider Erwarten einen gewandten Eindruck. Ihre Freundlichkeit nimmt mir die Aggressivität. Sie findet das ebenfalls nicht in Ordnung und verspricht, dass dieser Zustand geändert wird. Was die Überführung angeht, will sie sich kümmern und zurückrufen.
Wieder starren wir das Telefon an. Wann würde es klingeln? In einer halben Stunde, in zwei oder drei Stunden? Vielleicht gar nicht? Wir sind bereits eine Menge gewöhnt.
Melanie sitzt inzwischen in der Informationsveranstaltung der französischen Staatsanwaltschaft. Später schreibt sie, dass es wenige Neuigkeiten gebe. Wer von den Hinterbliebenen die Kraft hatte, konnte die Aufzeichnungen des Stimmrecorders verfolgen. Die letzten zehn Minuten wurden den Angehörigen vorgespielt und erläutert. Das sei hart für sie gewesen, aber auch gut.
Das Telefon klingelt. Ich zucke zusammen. Was bringt der Anruf?
Die kompetente Dame vom Carecenter meldet sich. Es gebe zwei Varianten der Rückführung nach Leipzig. Die erste: Der Sarg würde mit dem Flugzeug von Marseille über Frankfurt bis zum Flugplatz Leipzig-Halle transportiert. Dabei müsse Melanie eine zusätzliche Nacht in Frankfurt verbringen. Der Haken ist, dass dies frühestens kommenden Dienstag möglich sei, jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit später.
Die zweite Option: Nächsten Montag könne Melanie vom Marseille nach Berlin fliegen, von dort müsse der von uns beauftragte Bestatter Jens abholen und nach Leipzig bringen.
›Also Berlin! Immerhin ist das endlich eine handfeste Auskunft‹, geht es mir durch den Kopf. Aber weshalb nicht direkt Leipzig? Darauf erhalten wir keine schlüssige Erklärung.
Auf meine Frage, ob wir den Sarg mit den sterblichen Überresten von Jens in aller Stille in einem separaten Raum auf dem Flughafen empfangen können, meint sie in stockendem Ton: »Das ist schwierig.«
»Wieso, auf dem Düsseldorfer Flugplatz ging das doch auch!«, donnert es aus mir heraus.
»Wir tun, was möglich ist. Allerdings das wird nicht gehen«, stottert sie.
Warum das so ist, erfahren wir nicht.
Wir sollen uns am besten noch heute entscheiden.
Wir beraten. Die Familie wählt die Berlinvariante. Danach wird Jens am 15. Juni in Tegel ankommen. Es ist die einzige zeitnahe Lösung. Länger können und wollen wir nicht warten.
Den Abend ließen wir mit Alkohol ausklingen. ›Besser als Psychopharmaka‹, finde ich. Trotzdem wir mit immensen Schlucken versuchen, die Nerven zu besänftigen, bleiben wir relativ nüchtern.

© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s