10.06.2015, Mittwoch – Zeremonie in Düsseldorf

Unsere Freunde oder die von Jens rufen oft an, um in Erfahrung zu bringen, wie es uns geht und wann die Beerdigung erfolgen wird. Wir können nichts antworten.
Die Gewissheit, dass Jens tot ist, gar ermordet wurde, die Unklarheit, wann die Überführung endlich stattfinden wird, verbunden mit der Hinhalterei durch Germanwings, dabei der tiefe Schmerz und die aufgetretenen physischen Beschwerden, wie zum Beispiel Herzrasen, Magenkrämpfe und Bluthochdruck, sind kaum noch zu ertragen. Die traurigen Bilder aus NRW, der Konvoi der weißen Wagen mit den Särgen der Haltener Schüler und ihrer Lehrerinnen, verschlimmern die verzweifelte Situation.
Wir wollen doch nur unser Kind zurück, auch wenn es nur Teile seines Körpers sind. Es soll nach Hause und beerdigt werden. Ist das zuviel verlangt???
Melanie fliegt heute nach Paris, um an der Informationsveranstaltung der französischen Staatsanwaltschaft teilzunehmen. Im Anschluss möchte sie die sterblichen Überreste von Jens von Marseille bis Leipzig zu begleiten.
Wir bleiben zu Hause, da wir schleunigst die Beerdigung organisieren wollen, sollten wir endlich einen Ankunftstermin erfahren. Vielleicht können wir die Bestattung noch im Juni durchführen? Allerdings rinnt die Zeit zwischen den Fingern weg.
Melanie schreibt, dass sie ohne Probleme in Frankreich angekommen ist. Vertreter von Germanwings, die im Hotel die Angehörigen betreuen, würden viel reden, aber nichts käme dabei heraus.
Ich rufe mehrfach im Carecenter Germanwings an. Zunächst stelle ich sicher, dass wir als Eltern, auch wenn die Freundin von Jens in Paris den Weitergang erfährt, ebenfalls über den Stand der Überführung informiert werden wollen. Man weiß ja nie. Ich bin misstrauisch geworden.
Die Mitarbeiterin registriert das, bevor ich die bewusste Frage loslasse: »Wann kommt denn unser Kind in Leipzig an?«
»Hmm, äh, warten Sie mal.« Sie erkundigt sich, ich gedulde mich. Geräusche am anderen Ende der Leitung.
»Frau Voß?«
»Ja«, erwidere ich. Es klang abgehackt und aggressiv.
Die übliche Antwort dringt an mein Ohr: »Uns wurde gesagt, dass vielleicht …, eventuell, also möglicherweise eine Rückführung am Sonnabend oder Sonntag sein könnte. Doch wir wissen nichts Genaues. Hmm, also die Überführung findet eventuell, gegebenenfalls, also ähh, sie könnte vielleicht am Sonnabend oder Sonntag stattfinden. Oder später? Aber das ist noch nicht klar. Sobald wir was wissen, rufen wir bei Ihnen an.«
Ich beende das Gespräch, bevor ich patzig werde.
Seit einigen Tagen beherrscht mich das Gefühl, dass Sachsen zweitrangig behandelt wird. Hier lässt sich kein Vertreter von Germanwings sehen, um die Modalitäten der Überführung abzusprechen – wie in Haltern mit den Eltern der ermordeten Schüler geschehen. Wir sind ja auch nicht so medienwirksam!
Wie lange müssen wir noch warten?

© Brigitte Voß

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