09.06.2015, Dienstag – das Warten geht weiter

♦ ELF WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Letzte Nacht schlief ich wenig. Seit der Katastrophe macht der Schlaf einen riesigen Bogen um mich. Ich versuche, ihn durch Entspannungsübungen anzulocken, doch neuerdings flieht er auch davor.
Zum wiederholten Male sitze ich im Pyjama auf dem Balkon. Seltsame Wolkenformationen ziehen wie eine gestreckte Kette an mir vorbei. Eine sieht wie die andere aus. Sie zeigen mit einer schmalen, vorn abgerundeten Spitze die Zugrichtung an. Ihren nachfolgenden buschigen Teil, der wie ein zu dick geratener Bauch nach unten hängt, schleppen sie hinter sich her. Immer wieder tauchen neue auf. Ich staune.
Grüßt uns Jens?
Da mein Mann mich an seiner Seite vermisst, steht er ebenfalls auf. Als er entdeckt, wo ich die Zeit verbringe, will er sogleich eine Decke bringen. Trotz der kühlen Dunkelheit ist mir warm. Wir trinken Grappa, bewundern die Wolken und gehen schließlich zu Bett. Ich träume wirres Zeug von der Überführung sterblicher Überreste aus Frankreich. Schweißgebadet wache ich auf. Ich stelle die Weckerbeleuchtung an und stöhne auf. Erst fünf Uhr. Allerdings bin ich froh, drei Stunden geschlafen zu haben.
Der Tag verläuft wie gestern. Wir gedulden uns auf irgendeine präzise Auskunft. Wann können wir Jens gemeinsam mit dem Bestattungsinstitut vom heimischen Flugplatz abholen?
Melanie wartet vergebens auf den versprochenen Rückruf von Germanwings. Sie fragt von sich aus mehrfach an und wird ständig auf einen weiteren Anruf verwiesen. So geht das den ganzen Tag. Wir sitzen vor dem Telefon und stieren es an. Bei jedem Klingeln schrecken wir hektisch auf. Zweimal rufen Personen an, die irgendwelche Umfragen durchführen wollen. Genau so etwas kann man in derartigen Situationen gebrauchen.
Am Abend wissen wir immer noch nichts. Immerhin erfährt Melanie die Daten für ihren morgigen Flug nach Paris.
Vor meinem inneren Auge kommen die Überreste von Jens nicht in Deutschland an, sondern in Marokko (dort leben ebenfalls Angehörige). Oder: Was ist, wenn der Sarg bei diesem Chaos verschwindet? Die Fantasie schäumt wieder mal über.
Nach dem Abendbrot versuchen wir, uns mit »Carrie 2« von Stephen King abzulenken. In dem Film lässt die Hauptdarstellerin ihre mentalen Kräfte spielen und zerstört, was sie kaputt macht. Warum bin ICH unfähig zur Telekinese? Damit könnte ich der Wut ein kolossales Ventil geben.
Auf dem Flughafen Düsseldorf landet am späten Abend die Sondermaschine aus Frankreich mit den sterblichen Überresten von 44 Opfern des Germanwings-Unglücks. Darunter befinden sich auch die Särge von 16 Schülern und die der zwei Lehrerinnen des Gymnasiums in Haltern am See.
Ich weine. Wir müssen noch ausharren.

© Brigitte Voß

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