08.06.2015, Montag – die Nerven liegen blank

In einem Schreiben teilt uns der Rechtsanwalt mit, dass wir in der folgenden Woche endlich die Sterbeurkunden erhalten. Außerdem sei Jens nicht von der morgigen Sammelüberführung von Marseille nach Düsseldorf betroffen. Es erfolge vielmehr eine gesonderte Überführung, deren Einzelheiten noch abgeklärt werden müssen.
Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung informiert, dass der Stopp der Rückführungen aufgehoben sei und Germanwings einen neuen Zeitplan erarbeitet habe. Wir hören, dass eine spezielle Website für die Angehörigen existiert, die ebenfalls Auskünfte gibt. Hin und wieder meldet sich der französische Oberstaatsanwalt Brice Robin zu Wort. Informationen über Informationen.
Aus all diesen Benachrichtigungen sondieren wir, was wir bereits kennen und was wichtig ist. Dabei können wir uns aufgrund der Trauer und den aufgetretenen gesundheitlichen Beschwerden kaum konzentrieren.
Die Freundin von Jens erfährt, der Transfer des Sarges finde am kommenden Wochenende statt. Genaueres würde sie mittags erfahren.
Zur vereinbarten Zeit, sitzen wir voller Spannung vorm Telefon und warten, was Melanie uns mitteilen wird. Endlich läutet es. Sie ist am Apparat. Sie habe mit zwei unfähigen Mitarbeitern von Germanwings gesprochen, der erste wusste nichts und der zweite druckste herum. Sie solle Nachmittag zurückrufen.
Das Beerdigungsinstitut kontaktiert uns, ob wir neue Auskünfte erhalten haben.
»Wir wissen wieder nur, dass wir nichts wissen«, ist die lapidare Antwort.
Die Bestatterin will helfen und setzt sich mit Germanwings in Verbindung. Sie wird einige Male weiterverbunden und grob behandelt. Schließlich legt ein dortiger Angestellter einfach auf. Ihre Bemühungen sind zwecklos. Sie tobt vor Wut, wie man mit ihr umging. So etwas habe sie bisher nie erlebt.
All dies widerspricht der öffentlichen Bekanntgabe durch Germanwings, dass die Fluggesellschaft oder Kenyon International (britischer Dienstleister, der die Überführungen der Opfer in die entsprechenden Heimatländer organisieren soll) das Bestattungsinstitut über Datum sowie Einzelheiten der Rückführung informieren soll.
»Das ist so üblich«, bestätigt die erfahrene Bestatterin. »Zum Beispiel sind Landung und Abholzeit des Sarges nicht identisch. Das Flugzeug muss erst entladen werden. Der Sarg wird zu einem Hangar transportiert, von wo wir ihn abholen. Dazu benötigen wir eine Sondergenehmigung.«
Sie ist bereit, sich dafür einzusetzen, dass unser Jens noch im Juni beerdigt werden kann. Sie sieht, dass wir nicht länger warten mögen. Die Nerven lassen das kaum noch zu.
Sie verspricht, mit dem Gesundheitsamt »Tacheles zu reden«. An dieser Behörde könne ein baldiger Termin scheitern.
»Wieso bekommen die Angehörigen in NRW zeitnahe Beerdigungstermine, während wir uns gedulden müssen?«, will ich wissen.
Sie antwortet: »Das Bestattungsrecht ist Sache der Bundesländer.«
»Sind denn die Papiere ins Französische übersetzt?«, fragt sie.
Ich witterte zusätzliches Unheil. Immerhin sollen es insgesamt 18 Dokumente sein, die für solch eine Überführung notwendig sind.
Sie präzisiert: »In deutscher Übersetzung müssen vorliegen: Totenschein, Leichenpass, Dokument zur Einbalsamierung sowie die Sterbeurkunde.«
Wir haben Kenntnis, dass die Sterbeurkunde eine internationale ist, das heißt, in mehreren Sprachen vorliegt. Aber die anderen Belege? Das wird sich zeigen.
Unterdessen wird Melanie in Düsseldorf von Germanwings permanent vertröstet. Sie erfährt nichts. Nicht, wann sie von Paris, wo sie an der Informationsveranstaltung der französischen Staatsanwaltschaft teilnehmen möchte, nach Marseille fliegen kann, um den Sarg nach Leipzig zu begleiten. Dieser Termin ist ebenfalls unbekannt.
Unsere Nerven erreichen bald eine bedenkliche Alarmstufe.
»Ich bin ganz ruhig und entspannt«, murmele ich wie im Selbstgespräch. So auch: »Ich fühle mich sauwohl« und verschlinge zum sarkastischen Beweis gleich vier Würstchen. Sie schmecken nicht besonders.
»Heute ist wieder Cognactag«, stellt mein Mann fest.
Ich stimme vehement zu, obwohl der Alkoholkonsum der letzten Abende erschreckt.
Das Telefon klingelt. Die Freundin vom Jens: »Die wollen jetzt wissen, wie das Beerdigungsinstitut heißt und ob es eine Feuerbestattung werden soll.«
»Das ist doch wirklich zum Kotzen! Wie oft wollen sie denn das noch? Germanwings hat doch das Dokument vorliegen, sogar in doppelter Ausführung, auf dem wir genau diese Fragen pünktlich beantwortet haben!!!«, poltere ich los. Ich kann es nicht fassen.
Sie legt auf, und wir warteten erneut.
Die Zeit vergeht.
Melanie ruft an: »Morgen Vormittag erfahre ich Neuigkeiten. Sie haben noch mal angerufen. In dem von euch ausgefüllten Formular haben sie jetzt auch nachgesehen.«
»Mensch sind die schlau.« Meine Wut ist kaum zu bremsen. »Dass die das überhaupt gefunden haben!?«, erwidere ich mit sarkastischem Erstaunen.
Am Abend sehen wir uns einen Spielfilm über Hexenverbrennungen an, was unser Nervenkostüm nicht gerade beruhigt. Dabei trinken wir einige Gläser Wein und Bier.

© Brigitte Voß

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