03.06.2015, Mittwoch – der Ärger wird ärger

Wie am Vortag telefonieren wir oft mit dem Carecenter von Germanwings. Leider ergebnislos. Immerhin erfahren wir, dass der Überführungstermin noch nicht freigegeben sei. Na prima! Morgen reisen wir nach Düsseldorf zum zweiten Angehörigentreffen der Notfallseelsorge, ohne im Bilde zu sein, wie lange wir bleiben. Kommen dort vier Tage später die Särge an? Fahren wir zwischenzeitlich 500 km zurück nach Hause? Und immer wieder schleudern uns die Mitarbeiter vom Carecenter den Satz durch den Telefonhörer entgegen: »Eine Überführung per Flugzeug von Düsseldorf nach Leipzig sei ausgeschlossen.« Die Begründung fehlt.
Wir müssen das Bestattungsinstitut anrufen, um ihnen zu erklären, dass wir nichts wissen. Die für uns verantwortliche Angestellte ist freundlich und unkompliziert. Das Institut stellt sich operativ ein, die sterblichen Überreste von Jens nächste Woche aus NRW abzuholen. Die impulsive Bestatterin ist empört, wie mit uns umgegangen wird. Sie ist eine erfahrene Fachkraft, die viele Rückführungen aus dem Ausland begleitet hat, doch so etwas habe sie bisher nie erlebt. Sogar sie hat sich mit Germanwings in Verbindung gesetzt, allerdings nur »Gummiantworten« erhalten.
Am Nachmittag gehe ich zur Psychologin, um ihr mein sadistisches Werk vorzulesen. Sie hat mir freigestellt, einen Text in Briefform zu schreiben, was ich dem Copiloten des Fluges 4U9525 antun würde, wäre er noch am Leben. Ich ließ die Computertasten mit Freuden klappern. Das Resultat ist eine bestialische Abhandlung, die in ihrer Grausamkeit den französischen Thrillerautor Jean-Christophe Grangé bei Weitem übertrifft. Vorsichtshalber kündigte ich Frau Blume an, dass ich eine ziemlich dunkle Seele besitze, die ich ungern preisgebe, weil sie andere schocken könnte. Sie meinte nur, sie habe im Strafvollzug mit Schwerverbrechern zu tun gehabt. Deren Gräueltaten seien die Realität gewesen.
Da muss sie jetzt durch. Genüsslich betone ich die besonders abgründigen Textabschnitte beim Vorlesen. Das Aufschreiben, auch das laute Lesen derartiger Fantasien dämpfen die Wut auf den Copiloten.
Kaum bin ich zu Hause, flattert eine E-Mail in mein Outlook:

»Liebe Angehörige,
die Vorbereitungen zur Rückführung der sterblichen Überreste mussten aufgrund neuer behördlicher Vorgaben vorübergehend unterbrochen werden. Es tut uns leid, dass wir vor diesem Hintergrund eine Überführung in der kommenden Woche nicht mehr ermöglichen können. Über den neuen Zeitpunkt der Rückführung werden wir Sie baldmöglichst unterrichten. Uns ist bewusst, dass Sie für die Beisetzung Ihrer Lieben einen gewissen Vorlauf benötigen. Ebenfalls werden wir die von Ihnen beauftragten Bestattungsunternehmen über die weiteren Planungen informieren.
Lufthansa Group im Namen von Germanwings«

Die ganze Familie ist vollkommen aus dem Häuschen.
Wir rufen das Beerdigungsinstitut an. Die Bestatterin regt sich erneut über den Umgang mit uns auf. Sollten wir am Wochenende etwa Neues erfahren, könnten wir jederzeit anrufen. Wir sind froh, dass sie derart flexibel ist und nicht das Handtuch wirft.
Rund vier Stunden später kommt ein Schreiben vom Rechtsanwalt, dass er alles daran setzen werde, den Rückführungstermin 09./10.06. wieder zu aktivieren. Nach weiteren drei Stunden schreibt der Sonderbeauftragte der Bundesregierung, Herr Steffen Rudolph, der für die Belange der Angehörigen eingesetzt wurde:

»In diesem Augenblick erhalte ich von Staatsanwalt Robin die Nachricht, dass es kein Hindernis mehr für die Rückführung gibt.«

Was soll das Chaos? Wollen die uns in den Wahnsinn treiben?
Wir beschließen, nach dem Angehörigentreffen in Düsseldorf bis zur Überführung in NRW zu bleiben.

© Brigitte Voß

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