22. bis 31. Mai 2015 – der Zinksarg

Die Informationen, die wir von unterschiedlichen Stellen erhalten, ziehen enger werdende Kreise um das Thema Überführung, die laut Germanwings so schnell wie möglich erfolgen soll. Die Bereitstellung der notwendigen Dokumente benötige jedoch Zeit, so auch die Einsargung gemäß den internationalen Regelungen. Der Verstorbene müsse in einem hermetisch verschlossenen Behältnis aus Zink, der sich in einem Sarg aus Holz befindet, transportiert werden. Es werde alles getan, um den Transport im Sinne der Opfer und der Angehörigen vorzubereiten.
Die aufgefundenen menschlichen Reste meines zerschellten Kindes in einem zugelöteten Zinksarg – das ist, was von ihm zurückkommt! Was wird der Bestatter in dem Totenbehälter vorfinden? Wie viel Prozent des Körpers von Jens kommen nach Deutschland zurück? Ich versuche, diese unerwünschte Fantasie zu verdrängen, doch sie bleibt hartnäckig.
Ich kann dem Drang, mich zu informieren, nicht widerstehen: Der Metallsarg verhindert, dass Gerüche und Körperflüssigkeiten austreten. Außerdem besitzt Zink bakterizide Eigenschaften, die unter Luftabschluss einer zu schnellen Verwesung vorbeugen. Natürlich bringen mir jene Erkenntnisse keine Erleichterung.
Je näher die Informationsspirale dem Mittelpunkt zustrebt, desto höher ist Aufregung in der Familie. So makaber es klingt, wir freuen uns, dass, wenn Jens zurückgekehrt ist, wir die Beerdigung in die Wege leiten können. Die quälende Warterei findet endlich ein Ende. Ich bin den Franzosen dankbar, dass sie die Toten zügig identifizieren konnten. Die noch fehlenden Papiere dürften das geringere Problem sein.
Das Beerdigungsinstitut teilt uns mit, dass sie von einem Dienstleister, den die Lufthansa mit der Überführung beauftragt hat, telefonisch kontaktiert wurde. Die resolute Mitarbeiterin bestätigt, dass der Sarg mit den sterblichen Überresten bis zum Flugplatz Leipzig-Halle gebracht wird, von wo aus das Bestattungsinstitut diesen abholt. Die Dokumente begleiten den Sarg.
Wir haben den Wunsch, Jens in aller Stille auf dem Flugplatz zu empfangen.
Da der Transfer in zwei bis drei Wochen erfolgen soll, beschließen wir, der Informationsveranstaltung der französischen Staatsanwaltschaft in Paris fernzubleiben, damit wir die Beerdigung vorbereiten können. Ein Protokoll der Veranstaltung wird es geben.
In all der Aufregung streben wir an, einigermaßen vernünftig zu leben. Wir treffen uns häufig mit der Familie, wobei die kleine Enkelin ihre Kinderaugen verwundert auf mich richtet, weil die Oma seltener als gewohnt mit ihr herumtobt, lacht oder spielt.
Pfingsten verbringen wir in der Natur, doch auch sie erreicht mein Inneres nur oberflächlich. Die wohltuende Entspannung, die ich früher in ihr fand, meidet mich.
Und dann trifft sie ein, die Nachricht aller Nachrichten. Der Rechtsanwalt teilt mit: »… soeben erhalte ich die Mitteilung von Lufthansa, dass die Rückführung jetzt für den 9. oder 10. Juni vorgesehen ist. Einzelheiten werden noch bekannt gegeben …«
© Brigitte Voß

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