21.05.2015, Donnerstag – der Besuch

Die Informationsdichte nimmt in der letzten Zeit gewaltig zu, und wir müssen aufpassen, dass wir alles erfassen. Jede ankommende Nachricht versetzt mir einen Stich ins Herz, dreht es sich doch zunehmend um die ersehnte und gleichzeitig gefürchtete Überführung des Sarges, in dem die sterblichen Überreste von Jens liegen. Die Bestattung ist in greifbare Nähe gerückt. Ich habe Angst davor.
Seit einigen Tagen verfügen wir über einen sogenannten Beerdigungsschein, den uns die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf geschickt hat. Darauf lese ich: »Die Beerdigung wird genehmigt. Die etwaige Feuerbestattung wird für unbedenklich erachtet.« Darunter stehen der Name unseres Sohnes sowie das Geburtsdatum. Solch ein Papier habe ich bis heute nie gesehen. Das Internet hilft und belehrt mich: »Bei einer nicht natürlichen Todesursache ist ein von der Staatsanwaltschaft ausgestellter Beerdigungsschein zur Urnenbeisetzung erforderlich.« Mir schwant, dass wir vermutlich noch eine Menge Dokumente in den Händen halten werden, deren Existenz uns bisher unbekannt ist.
Fast zeitgleich erhalten wir von verschiedenen Stellen (Germanwings, dem Sonderbeauftragten der Bundesregierung, den französischen und deutschen Staatsanwälten, dem deutschen Konsulat in Marseille, u.a.) identische Informationen, teilweise um kleine Nuancen erweitert, die wir wie ein Puzzle aneinanderfügen, um ja nichts zu verpassen. Das ist gut gemeint, strengt allerdings an.
Die wichtigste Neuigkeit besagt, dass die Identifizierungskommission die Erkennung der 150 Insassen des Germanwings-Airbusses validiert hat, sodass die entsprechenden Sterbebescheinigungen unterschrieben werden konnten. Der Staatsanwalt aus Frankreich lädt zusätzlich zu einer Informationsveranstaltung nach Paris ein.
Eigentlich habe ich erwartet, ein persönlicheres Schreiben zu bekommen, dass uns den Tod und die Übereinstimmung der DNA eines der Passagiere mit der unseres Sohnes unter Nennung des Namens mitteilt. Ist das zuviel verlangt?
Lufthansa bietet den Angehörigen an, die Überführung der Opfer in das jeweilige Heimatland mit den damit verbundenen organisatorischen Angelegenheiten zu übernehmen. Sie wollen alles gemäß unseren Wünschen veranlassen. Hierzu gehört ebenfalls die Beauftragung eines französischen Bestattungsunternehmens. Wir ahnen, dass der Transfer des Sarges ein recht komplizierter Vorgang wird, der jede Menge Papiere erfordert. Daher stimmen wir zu. Außerdem fühlen wir uns außerstande, all diese Dinge selbst zu regeln. Uns fehlt die Kraft, sogar die körperliche.
Die Kollegen meines Mannes besuchen uns zum ersten Mal seit dem Unglück. Sie bugsieren einen riesigen Obstkorb an uns vorbei und stellen ihn auf den Küchentisch. Das können wir gut gebrauchen. Vielleicht vertreiben die Vitamine Schlappheit und Antriebslosigkeit?
Wir nehmen im Wohnzimmer Platz, sie drücken uns ihr Beileid aus und das der Mitarbeiter. Floskeln werden ausgetauscht.
Auf einmal sagt Jasmin: »Bevor wir gekommen sind, haben wir überlegt, wie wir uns euch gegenüber verhalten. Das ist schwierig, da das Ereignis so furchtbar ist. Es fehlen die Worte. Wir sind unsicher, aber jetzt sind wir hier.«
Ich freue mich über die Ehrlichkeit.
»Am besten ist, ihr verhaltet euch wie immer. Ihr müsst uns nicht wie rohe Eier behandeln. Redet oder hört einfach zu«, lautet die Antwort. Ich füge hinzu: »Und wenn ich plötzlich losheule, ist das in dieser Situation auch normal.«
Das Gespräch kommt in Gang. Wir reden viel vom Tod unseres Sohnes, der bevorstehenden Überführung seiner menschlichen Reste, berichten von Le Vernet, usw.
Schließlich unterhalten wir uns über Dinge, die nicht mit der Katastrophe zusammenhängen. Ich bemerke, dass uns der Besuch gut tut und eine totale Ablenkung darstellt. Wir können sogar lachen.
Bereits am Abend verspeisen wir die ersten Früchte aus dem Obstkorb.
© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s