14.05.2015, Donnerstag – Psychotherapie

Ich schreibe an Johannes, einem Hinterbliebenen der Katastrophe, der seine Tochter verloren hat:

»Ich hatte einen dritten Termin bei der Psychologin. Das wird immer anstrengender. Sie hilft, mich mit den Vorkommnissen auseinanderzusetzen, doch die Gefühle kommen dabei gewaltig hoch. Sie wird eine Therapie von insgesamt 25 Stunden beantragen …
Sie sagt, dass unsere Gehirne im ersten Augenblick vieles blockiert haben (Schutzreaktion), was später scheibchenweise an Empfindungen und Erinnerungen freigesetzt werden kann.
Offensichtlich ist das hart, sei allerdings Voraussetzung für eine richtige Verarbeitung.«

Frau Blume, die Psychologin hat, ohne es zu ahnen, den Grundstein für den vorliegenden Blog »Seelenrisse« gelegt. Während eines Gesprächs berichte ich ihr, dass ich vor dem Unglück gern geschrieben habe, aber seitdem unfähig bin, Fantasien zu entwickeln, um diese in Kurzgeschichten umzusetzen. Ich erkläre: »Der Kopf ist nicht frei, die Gedanken drehen sich um mein Kind. Alles andere ist nutzlose Verschwendung.«
Sie schlägt vor: »Versuchen Sie doch einmal, über den Tag des Absturzes zu schreiben. Wie der Tag angefangen hat, was Sie gemacht haben, usw. Es ist nur ein Vorschlag. Wenn Sie ablehnen, ist das auch in Ordnung.«
»Mal sehen. Wird wohl nicht gehen«, murmele ich. Um etwas positiver zu wirken, füge ich hinzu: »Ich probiere es.«
Ich bin unruhig, als ich mit dem Auto nach Hause fahre. Seit Jens gestorben ist, sitze ich das erste Mal wieder am Lenkrad. In letzter Zeit hatte mein Mann die Rolle des Chauffeurs übernommen. Mir fällt die Anpassung an die jeweilige Verkehrssituation schwer, doch bin ich eine routinierte Fahrerin. Irgendwann muss ich ja mal anfangen.
Die Ampel, vor der ich warte, schaltet auf Grün. Ich gebe Gas, das Fahrzeug stottert und zu allem Unglück lässt die Elektronik verschiedene Anzeigesymbole aufleuchten, die verkünden, dass irgendetwas im Argen liegt. Während die Herfahrt ohne Probleme verlaufen ist, versagt jetzt der Wagen seinen Dienst. Anstelle zu beschleunigen, schleicht er ruckartig über den Stadtring. Hinter mir ertönt ungeduldiges Hupen.
›Ich muss anhalten. Aber wo?‹, versuche ich, die aufkeimende Hektik in den Griff zu bekommen. Ich bin auf einer Hauptverkehrsstraße im Stadtzentrum, wo es ein Riesenproblem ist, mit dem fahrbaren Untersatz am Straßenrand liegen zu bleiben. Daher missachte ich das Gebotsschild für »Geradeausfahren«, um in eine Nebenstraße abzubiegen. Im Parkverbot stelle ich den Motor ab. Hauptsache ich behindere nicht mehr den Verkehr auf dem Ring. Ich rufe den ADAC an, der mich in die Werkstatt schleppt, da auch er machtlos ist. Die Ursache des Malheurs ist die Zündspule.
Diese Panne musste kommen. Wenn ich gestörter Stimmung bin, passiert es hin und wieder, dass Parkplatzschranken nicht funktionieren, sich die Tür der Waschanlage nicht mehr öffnet, ein Rauchmelder im Zimmer angeblichen Qualm verkündet, u.a. Fakt ist: Der erste Tag des selbstständigen Fahrens hätte ruhiger ausfallen können.
Nachdem ich mit dem reparierten Auto zu Hause angekommen bin, und ich mich beruhigt habe, berichte ich meinem Mann über die Idee der Psychologin. Unwillkürlich tragen wir unsere Erinnerungen an jenen Tag zusammen. Dabei irre ich durch einen Nebel, der die Sicht auf den schrecklichen Tag behindert.
Ich klappe den Laptopdeckel auf. Das Internet offenbart, dass ein Sonderbeauftragter der Bundesregierung ernannt wurde, der für die Hinterbliebenen der Absturzopfer aller Nationen als zentraler Ansprechpartner tätig sein soll.
Germanwings teilt mit, dass die Totenscheine und Sterbeurkunden, die vom Bürgermeister von Prads-Haute-Bléone ausgestellt werden (Gemeinde, auf deren Gebiet sich die Katastrophe ereignete), Grundvoraussetzung für die Rückführung der sterblichen Überreste der Opfer ist. Dem Anhang ist ein Formular beigefügt, dass Fragen zur Konfession des Verstorbenen, nach dem gewünschten Ort der Übergabe des Sarges, nach dem Bestattungsunternehmen sowie der Art der Bestattung stellt. All dem entnehme ich, dass wir unseren Jens bald beerdigen können. Der Gedanke wühlt auf.
Ich versuche, mich abzulenken, und öffne das Schreibprogramm. Die Finger finden ihren Platz auf den Tasten. »Was soll ich schreiben? Wie begann dieser 24. März 2015? Nur langsam fügen sich die ersten Buchstaben zu Worten zusammen. Sätze entstehen. Während des Schreibens heben sich die restlichen Nebel und lassen dem Gedächtnis freien Lauf. Das Blut steigt mir in den Kopf, Stirn und Wangen glühen. Ich klappere mit den Tasten die Nebelschwaden weg. Die Bilder der Erinnerung quälen, sodass ich Pausen einlege, die allerdings von kurzer Dauer sind. Der Drang zum Weiterschreiben ist übermächtig, hält so lange an, bis ich alles festgehalten habe, was mir über den Horrortag eingefallen ist.
Ich weine und stelle den Computer ab.
© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s