07.05.2015, Donnerstag – der 1. Zwischenbericht der BEA und Mordgedanken

Die Untersuchungsbehörde BEA hat ihren Sitz in der Nähe von Paris. BEA ist die französische Abkürzung für »Bureau d’enquêtes et d’analyses pour la sécurité de l’aviation civile«. In deutscher Übersetzung: »Untersuchungs- und Analysebüro für die Sicherheit der zivilen Luftfahrt«. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Sicherheit in der Luftfahrt ohne die Aufdeckung von Schuld und Haftung.
Der 29-seitige Zwischenbericht, der jetzt veröffentlicht wurde, ist zunächst eine Sammlung von Anfangsinformationen. Es erfordert Zeit, sie gründlich zu analysieren, um entsprechende Verbesserungsvorschläge den Herstellern, Fluggesellschaften und anderen Institutionen zu unterbreiten. Daher werden sie zu einem späteren Zeitpunkt erwartet.
Aus dem 1. Bericht geht hervor, dass der Pilot zu Beginn des Fluges das Cockpit verließ, um vermutlich die Toilette aufzusuchen. Als der Copilot allein war, veränderte er die Flughöhe von 38 000 ft (11 582 m) auf 100 ft (30,45 m). Die Maschine flog stetig schneller, da er mehrfach die Geschwindigkeit erhöhte. Die Maximalgeschwindigkeit betrug 350 kt (648 km/h), es ist die Höchstgeschwindigkeit, die die Besatzung einstellen kann. Während des Sinkfluges, der ungefähr 8 Minuten dauerte, versuchte das Kontrollzentrum im Marseille, 11 Mal die Flugbesatzung zu erreichen, empfing aber keine Antwort.
Der Flugkapitän rief und schlug vergeblich mit einem harten Gegenstand gegen die Cockpittür, um sie zu öffnen.
10:41:06 (Mitteleuropäische Zeit) kollidierte das Flugzeug mit dem Gelände. Die Heftigkeit des Aufpralls führte zum sofortigen Tod aller Insassen.
Meine Gedanken kreisen um die Frage: Wie lange mussten die Passagiere leiden, haben Todesängste ausgestanden? Immerhin herrschte ab einer Flughöhe von etwa 15 000 ft (4572 m) eine Sichtweite von über 10 km bei wolkenlosem Himmel vor. Dies belegen die Flugschreiber des Airbusses.
Hinter den nüchternen Daten verbergen sich nach offiziellen Angaben 149 Menschen, die ihre Lebensgeschichten, Pläne und Träume hatten. Sie fielen einem Massenmord zum Opfer. Dabei ist kaum bekannt, dass Ungeborene (ich weiß von einer schwangeren Frau an Bord) sowie Kinder unter zwei Jahren nicht als verstorben mitgezählt werden. Das verstehe, wer will. Ist deren Leben weniger wert?
Der Zwischenbericht zeigt, dass Lubitz die Tat bewusst und nicht im Affekt ausgeführt hat. Schlimmer noch: Er hat den Absturz geplant und bereits auf dem Hinflug von Düsseldorf nach Barcelona, während er für fünf Minuten allein im Cockpit war, mehrfach und unerlaubt die Zielhöhe auf 100 ft eingestellt. So hat er die Handgriffe für die menschenverachtende Tat im Vorfeld geprobt. Es war der Flug, der dem Katastrophenflug unmittelbar voranging. Ein Glück für die Passagiere, dass es beim Verändern der Flughöhe blieb, ohne das ein Sinkflug einsetzte.
Die Wut auf den Unmenschen Lubitz tobt erneut in mir. Es ist ein quälendes Gefühl. Das Blut rast durch die Adern und Tränen des Zorns tropfen auf meine Hand. Das Herz schlägt auf Hochtouren. Die Psyche findet ihr Ventil, indem sie abgrundtiefe Gedanken erzeugt: Wäre die Bestie am Leben, würde ich sie töten. Ich genieße jeden Buchstaben dieser Feststellung. ICH WÜRDE SIE TÖTEN!!! Uns wurde das Kind entrissen, brutal ermordet. Unser Fleisch und Blut! Eine Wunde klafft, die nie verheilen wird.
In all seinen Lebensphasen haben wir mit ihm gelacht, mit ihm gelitten. Seine Entwicklung vom Säugling zum Erwachsenen prägte das Familienleben. Wir haben versucht, ihn zu einem anständigen Menschen zu erziehen. Und jetzt gähnt in unserem Dasein ein bodenloses Loch.
Lubitz, der die wertvollen Leben bewusst an einen Fels prallte, müsste durch eine fürchterliche Marter sterben. Ich stehe dazu, obwohl ich weiß, dass ich mit dieser Meinung bei einigen Lesern auf Widerspruch stoße. Erschießen oder erstechen reichen dabei nicht aus. In meiner Fantasie brodeln sadistische Tötungsarten, die ich niemandem erklären möchte.
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Elternteil den Mörder enger Angehöriger tötet.
Spektakulär war der Fall der Mutter Marianne Bachmeier 1981, die im Gerichtssaal den Mörder und Vergewaltiger ihrer kleinen Tochter Anna mit sechs Schüssen erschoss. Sie ist in meinen Augen keine Mörderin!
Auch Väter verspüren das Gefühl ihre Lieben zu rächen, die durch das Verschulden einzelner Menschen ums Leben gekommen sind: Witali Kalojew richtete den dänischen Fluglotsen mit Messerstichen hin, der für den Zusammenstoß eines Linienflugzeuges mit einer Frachtmaschine unmittelbar verantwortlich war. Die Flugzeuge stürzten 2002 bei Übelingen am Bodensee ab. Keiner überlebte. Kalojew verlor bei der Katastrophe seine Frau und beide kleinen Kinder.
Ich verstehe seine Tat, auch er ist für mich kein Krimineller, sondern ein Opfer.

Allerdings hinterlässt der getötete Fluglotse eine Frau und drei Kinder. Auf seinem Grabstein soll ins Deutsche übersetzt stehen: »Du warst unser Ein und Alles.«
© Brigitte Voß

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