27.04.2015, Montag – Andacht in Barcelona

Die günstigen Wetterbedingungen haben die Bergungsarbeiten der Flugzeugtrümmer beschleunigt. Sie gelten als abgeschlossen, sodass derzeit Spezialisten den Ort der Katastrophe auf Umweltschäden inspizieren, um sie zu entfernen.
Identifizierung und Freigabe der Opfer liegen in den Händen der französischen Behörden. Mir wurde berichtet, dass die Pathologen Tag und Nacht daran arbeiten würden. Das lässt hoffen, dass die Überführung der Toten in die Heimatländer in greifbare Nähe rückt.
Die zweite Blackbox ist endgültig ausgewertet. Sie bestätigt, dass der Copilot den Germanwings-Airbus absichtlich gegen die Felsen steuerte. Weitere Untersuchungen laufen. Die Experten wollen sich mit der medizinischen Flugerlaubnis, dem Umgang mit psychischen Leiden von Piloten und mit dem Verschlussmechanismus von Cockpittüren befassen.
Als Folge der Katastrophe in den südfranzösischen Alpen wurde das sogenannte Vieraugenprinzip eingeführt. Aber warum erst jetzt? Jens und all die anderen Insassen von Flug 4U9525 wären noch am Leben. Es ist doch klar, dass zwei Personen im Cockpit, und das zu jedem Zeitpunkt, mehr Sicherheit bieten als eine allein. Sind die Amerikaner intelligenter? Seit den Anschlägen am 11. September 2001 wenden die USA diese Regelung an. (Natürlich würden drei autorisierte Crewmitglieder in der Pilotenkabine zusätzlichen Schutz bringen.)
Wieso hat sich Lufthansa derart zögerlich bei der Einführung der Zweipersonenregelung verhalten? Sind etwa Kostengründe verantwortlich?? Angesichts der Tatsache, dass es bereits absichtlich herbeigeführte Flugzeugabstürze gab, aus denen man hätte lernen müssen, ist das einfach nur verbrecherisch:

http://www.welt.de/politik/ausland/article138823196/Wenn-Piloten-absichtlich-Abstuerze-verursachen.html

Andererseits können Sicherheitsmaßnahmen auch zur Gefahr werden. Indirekt ist Jens ein Opfer des 11. September. Seit den Terroranschlägen wurde die Tür zum Cockpit massiv verstärkt. Es ist unmöglich, sie von außen zu zertrümmern – weder von Eindringlingen noch im Notfall. Ein elektronischer Code sichert sie zusätzlich. Diese Sicherheitsvorkehrungen ermöglichten Andreas Lubitz, seine teuflische Tat auszuführen, in deren Folge unzählige Menschen rund um den Erdball um ihre Lieben trauern. Nahezu einen Monat nach der Germanwings-Katastrophe gedenkt Spanien in der Kathedrale Sagrada Familia der Opfer, unter denen sich 51 Landsleute befinden.
Die Freundin von Jens ist nach Barcelona geflogen, um daran teilzunehmen. Ich bin froh, dass wir zu Hause bleiben. Sind wir doch erschöpft und ausgelaugt. Die Trauerfeier im Kölner Dom war gut, aber für uns ist es damit genug.
Es gibt auch andere Gründe, die Andachtsmesse zu meiden: Gewiss würden wir von Düsseldorf aus nach Spanien fliegen, genau wie unser Sohn wenige Tage vor der Katastrophe. Vielleicht gehen wir im Terminal dieselben Wege, die er, ohne zu ahnen, dass sein Leben in Kürze ein abruptes Ende finden wird, lief.
Bedrückender jedoch wäre der Rückflug. Wir müssten das Flughafengebäude von Barcelona betreten – ebenso wie Jens am 24. März 2015. Dort hat er seine letzte Lebenszeit verbracht.
Germanwings soll die Flugroute insofern geändert haben, dass sie nicht über die Absturzstelle führt, gleichwohl der Rest der Strecke bliebe unverändert. Er wird Orte und Landschaften vom Airbus aus gesehen haben, wie wir sie sehen werden.
Die Startzeit des Fliegers könnte ebenfalls identisch mit der des Katastrophenfliegers sein. Meine Recherchen an jenem schwarzen Dienstag hatten ergeben, dass nur eine Maschine von Barcelona nach Düsseldorf flog.
Mit diesem Wissen im Hintergrund die Reise anzutreten, vermeide ich. Wozu gibt es Internet und Fernsehen?
So verfolge ich von Deutschland aus die Übertragung der Andachtsmesse aus Barcelona.
Persönlichkeiten christlicher und nicht christlicher Religionsgemeinschaften, aber auch spanische Politiker, kritisierten im Vorfeld, dass die Andacht in Form eines katholischen Gottesdienstes vorgesehen ist. Das zeuge von geringem Respekt vor den anderen Glaubensrichtungen. Die katholische Kirche wies den Vorwurf zurück.
An der offiziellen Trauerfeier nehmen König Felipe VI., Königin Letizia, der spanische Ministerpräsident und mehrere Mitglieder der Regierung teil.
Leider verstehe ich kein Wort von dem, was gesprochen wird. Ausländischen Angehörigen ergeht es mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso. Auf Simultandolmetscher, wie sie in Köln eingesetzt wurden, müssen sie verzichten. Sie können die Andacht nicht einmal in spanischer Sprache verfolgen, weil sie auf Katalanisch stattfindet.
Im Kölner Dom hatten die Kameraexperten die Anonymität von uns Hinterbliebenen gewahrt, indem sie uns nur von hinten filmten. In Spanien wird der Datenschutz offensichtlich anders bewertet als in Deutschland. Die Objektive der Kameras richten sich voll auf die Gesichter der Trauernden, auch wenn sie ihren Kummer offen zeigen.
Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung durchlaufen König und Königin die Reihen und reichen jedem der rund 600 Angehörigen die Hand, umarmen sie und sprechen Worte des Trostes, besonders wenn Kinder vor ihnen stehen. Die gesamte Prozedur zieht sich ein bis zwei Stunden hin.
Obwohl ich jegliche Monarchie historisch überholt finde, werde ich die großartige Geste des spanischen Königspaares nicht vergessen.
© Brigitte Voß

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