22.04.2015, Mittwoch – 2. Reise nach Le Vernet (2)

Wir haben genügend Zeit, um in aller Ruhe zu frühstücken. Gegen 11.00 Uhr bricht der Kleinbus mit uns sowie den Betreuern in die Berge auf. Holger sitzt vorn. Er unterhält sich mit dem Fahrer auf Französisch. Für Trinken und Snacks in Form von Energieriegeln ist gesorgt.
Die Tour führt vorbei an südländisch anmutenden Landschaften und Häusern. Manche Baumarten sind mir fremd. Schließlich entdecken wir in der Ferne schneebedeckte Gipfel, die näher rücken. Serpentinen führen uns nach Le Vernet, in über 1000 m Höhe, wo der Bus im Umkreis der Stele einen Parkplatz findet.

22.04.2015 Panorama_Gerhard

Wir steigen aus. Die Sonne lacht aus einem strahlend blauen Himmel in traurige Gesichter. Die Berge leuchten freundlich zu uns herüber. Eine tiefe Ruhe liegt über der beeindruckenden Gegend, in der doch so Schreckliches geschah. Vor den Gedenkstein legen die Freunde Gegenstände ab, die an Jens erinnern. Wir stellen zwei gerahmte Fotos auf, die ihn mit seinem einnehmendem Lächeln zeigen.

22.04.2015 Flagge_Gerhard_ausg

Der Stoff der Fahne neben uns zerrt am Mast. Sie ist neu. Auf ihr sehen wir die Nationalflaggen der Länder, die Opfer durch das entsetzliche Geschehen zu beklagen haben. Wir zählen 18 Staaten.
Eine meiner Freundinnen beginnt, die von den Hinterbliebenen abgelegten Blumen zu gießen, da sie meint, sie würden etwas Wasser benötigen. Ich bin überzeugt, dass die Betroffenheit sie antreibt.
Wir stehen vor dem Gedenkstein und versuchen das Unbegreifliche zu begreifen. Ohne Erfolg. Jens ist weg. Er kommt nie wieder. Er ist tot, tot, tot! Ermordet!!!
Zwei Männer treten an uns heran. Ich erkenne Monsieur Bartolini, den Bürgermeister von Prads. Der andere stellt sich als Monsieur Jean-Louis Bietrix, Bergführer, vor. Sie begrüßen uns mit den in Frankreich üblichen Küsschen auf die Wange.
Nachdem sie uns ihr Beileid ausgesprochen haben, erklären sie ausführlich, hinter welchem Sattel die Unglücksstelle liegt. Wir unterhalten uns über die Katastrophe.
»Hat jemand aus dem Ort das Flugzeug gesehen?«, wollen wir wissen.22.04.2015 Wir vor Stelenverkl_Gerhard
Der Bürgermeister antwortet: »Ja, es gibt Einwohner, die es beobachtet haben. Es fliegt stets zur selben Zeit über das Gebiet hinweg. Ein Zeuge gab an, dass es niedriger als sonst geflogen sei, doch er habe sich nichts dabei gedacht. Ein anderer sagte aus, dass es so aussah, als sinke die Maschine tiefer und tiefer. Er war überzeugt, dass sie niemals über die Berge kommen würde. Dann sei sie verschwunden.«
Grit und Holger übersetzen.
»Haben sie eine Explosion gehört oder den Aufprall?«
Er schüttelt den Kopf: »Niemand hat irgendetwas vernommen. Weder den Zusammenstoß mit den Felsen noch eine Detonation.«
Wir staunen: »Niemand?« Ich schaue auf den Sattel, hinter dem die Insassen derart brutal ihr Leben lassen mussten.
Sie schütteln die Köpfe. Der Bergführer ergänzt: »Eine Rauchsäule infolge einer Explosion gab es ebenfalls nicht.«
»Wieso hat es nicht gebrannt?«, fragt unser Freund.
»Die Flüssigkeiten wurden durch die Wucht des Aufpralls sofort zerstäubt. Außerdem sind Kerosin und Hydrauliköl schwer brennbar«, erklären sie.
»Augenzeugen sahen auch den Kampfjet der französischen Luftwaffe, der zum Airbus aufstieg«, fügt Monsieur Bartolini hinzu.
›Und in dem A 320 saß Jens, unser Kind.‹ Bei dem Gedanken verhärtet sich mein Magen. ›Warum? Warum? Warum?‹, grübele ich, während die weißen Berggipfel in der Sonne blitzen, so als wollen sie uns trösten.

22.04.2015 Wolli vor Stele_verklGerhard

Als ich mich umdrehe, sind die beiden Franzosen verschwunden.
Eine Frau kommt auf uns zu. Sie ist mit dem Bürgermeister von Le Vernet verheiratet und entschuldigt ihren Mann, der heute auf einer Versammlung sei. Auch sie geht bald wieder.
© Brigitte Voß

((Fortsetzung folgt))

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