07.04.2015, Dienstag – der Albtraum

♦ ZWEI WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Der Albtraum lässt sich in zwei Sätzen formulieren: »Unser Telefon schellt. Mein Mann stößt den Arm nach oben und brüllt ›Das Telefon klingelt!‹«
Er ist überhaupt nicht spektakulär. Allerdings warf ein eigentümlich rötliches Licht seine blutigen Schatten auf die graue Auslegware. Der Schrei ertönte polyfon verzerrt in zugleich tiefen als auch hohen Stimmen. Das Gesicht meines Mannes verfremdete sich zu einer gruseligen Fratze eines Zombies. Der Arm nahm überdimensionale Ausmaße an, während er zur Zimmerdecke zeigte.
Noch in der Aufwachphase, die mir ewig vorkommt, schreie ich. Ab einem gewissen Punkt bemerke ich, dass die Hilferufe stumm sind. Ich zittere am ganzen Körper, bin schweißgebadet. Der Puls hetzt mein Blut, sodass es in den Ohren rauscht. Das Herz stolpert in der Brust herum, die durch einen Metallring eingeengt scheint. Ich keuche. Pure Angst hat von mir Besitz ergriffen.
Da wir in der Vergangenheit bereits mehrfach telefonisch von erschreckenden Ereignissen erfahren haben, finde ich diese Reaktion etwas heftig. Dass ich sie nicht kontrollieren kann, verunsichert mich ebenfalls.
Mit dem Gedanken ›Hier muss ein Psychologe her‹ rufe ich die Hausärztin an. Ihr Anrufbeantworter teilt mir mit, dass sie Urlaub habe.
›Auch das noch! Was mache ich denn jetzt?‹, überlege ich. Mir fällt die Visitenkarte der Notfallpsychologin aus Düsseldorf ein, die sie mir vor der Reise nach Le Vernet gegeben hatte. Ich krame in den Taschen diverser Kleidungsstücke herum, bis ich sie endlich entdecke.
›Sie ist Psychologin!‹, warnt ein Teil meines Ichs. ›Aber sie war nett und machte einen kompetenten Eindruck‹, hält der andere dagegen. Kurz entschlossen greife ich zum Telefon. Sie ist am Apparat und weiß, wer ich bin. Ich schildere, was mich bedrückt. Wir unterhalten uns mindestens eine Stunde. Ich werde ruhiger. Sie will sich kümmern, einen Psychologen in Wohnortnähe zu finden, bei dem ich einen Termin bekommen könnte. Morgen würde sie zurückrufen. Ich bin erleichtert.
Auf dem Standesamt lassen wir uns eine internationale Geburtsurkunde von Jens ausstellen, die die Franzosen für seinen Totenschein brauchen. Wir müssen auf dem Amt kaum warten.
Anschließend streifen wir durch die Kaufhäuser, da wir schwarze Kleidung benötigen. Am 17.04. findet im Kölner Dom die Trauerfeier für die Absturzopfer statt, an der wir unbedingt teilnehmen wollen. Trauerkleidung für Jens? Ich komme mir wie in einem falschen Film vor. Diese Entfremdung! Ist das alles wirklich passiert?
Ich probiere Kleidungsstücke an und verwerfe sie wieder. Ich habe nichts gegen die Farbe schwarz, aber der Anlass dafür, macht tieftraurig. Bald sind wir so erschöpft, dass wir den Rundgang abbrechen.
Immerhin schmeckt das Restaurantessen. Ich muss aufpassen, da der Zeiger der Waage steil nach unten zeigt. Normalerweise bin ich ein Leichtgewicht, doch der Kilobereich, der mit einer Vier beginnt, missfällt mir. Wer weiß, was ich noch für Reserven brauche.
Am Abend suche ich im  Internet und in der Zeitung Neuigkeiten über die Katastrophe:

Die Auswertung der zweiten Blackbox des Germanwings-Airbus, die am vergangenen Donnerstag gefunden wurde, bestätigt die These von einem absichtlich verursachten Absturz. Der Co-Pilot Andreas Lubitz habe den Autopiloten genutzt, um das Flugzeug in einen Sinkflug auf eine Höhe von 100 Fuß – umgerechnet etwa 30 Meter – zu bringen, erklärte die französische Luftfahrtermittlungsbehörde BEA am Freitag in Paris. Der Copilot habe während des Sinkflugs mehrfach die Einstellungen des Autopiloten geändert, um die Geschwindigkeit des sinkenden Flugzeugs zu erhöhen. Die Arbeiten werden fortgesetzt, um den präzisen faktischen Ablauf des Flugs festzustellen. –  Am Ort des Absturzes wurden laut Brice Robin (Generalstaatsanwalt aus Marseille) 42 sehr beschädigte Handys gefunden. – Es konnten inzwischen 150 verschiedene DNA-Profile aus den 2285 DNA-Proben von der Absturzstelle isoliert werden. Die DNA-Profile müssen mit den Proben abgeglichen werden, die die Familien übergeben haben. Diese Arbeit dauert drei bis fünf Wochen.

Wann können wir unseren Jens beerdigen?

© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s