03.04.2015 (Karfreitag) bis 06.04.2015 (Ostermontag)

Wie verbringt man in Zukunft nur diese Feiertage, wie Ostern, Weihnachten, gar den Geburtstag von Jens? Ich habe keine Ahnung. Unser Leben ist verändert, es schmeckt bitterer.
Mich befällt das Gefühl, ich brauche professionelle Hilfe. Die Spannung in meinem Inneren nimmt permanent zu. Ich kann kaum noch schlafen, Albträume verdrängen die  Ruhe, riesige Erinnerungslücken machen mir Sorgen, die Konzentration liegt im Argen, usw. Beim geringsten Geräusch, bei jedem Klingeln des Telefons zucke ich zusammen. Doch den meisten Kummer bereiten mir die seelische Unruhe sowie der unregelmäßige Herzschlag. Und wer weiß, was in späteren Jahren für Folgeerscheinungen auftreten. Die Psyche geht oft sonderbare Wege. Aber, ich zum Psychologen? Ich?? Bisher erlitt ich stets Schiffbruch, begab ich mich in psychotherapeutische Behandlung. Daher bin ich zu dem Schluss gekommen: »Nie wieder!«
Wenigstens haben wir beschlossen, der Einladung der Notfallseelsorge in Düsseldorf zu folgen. Nächste Woche veranstalten sie ein Treffen mit den Opferangehörigen der Germanwings-Katastrophe und mit Experten verschiedener Fachgebiete.
Für Ostersonntag hat sich der beste Freund von Jens zu Besuch angemeldet. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man ihn anspricht oder über ihn redet, denn er trägt den gleichen Vornamen wie unser Sohn. Um so vorsichtiger nannte er seinen Namen am Telefon und fügte sofort den Nachnamen hinzu.
Wir mochten ihn stets, er uns wohl auch. Leider brach der Kontakt mit den Jahren ab. Erst das entsetzliche Unglück hat uns wieder zusammengeführt. Seine Eltern, die unser Kind kannten, nicht aber uns, schrieben je eine Beileidsbekundung, gespickt mit Erinnerungen an ihn. Früher verkehrten die Freunde oft im Elternhaus des anderen.
Jens und seine Frau sitzen auf der Couch und sind äußerst betroffen von dem Tod. Wir reden über das grausame Ereignis, die Traurigkeit, die uns zu zerreißen droht, erinnern uns ebenso an die wunderbare Zeit, in der er noch lebte. Sie ist für alle Ewigkeit vergangen!
Das junge Paar bietet Hilfe an, wenn immer wir sie benötigen. Außerdem möchten sie mit uns in Kontakt bleiben. Wir könnten doch später einen gemeinsamen Ausflug unternehmen? Wir freuen uns darüber. Aber … ob wir nochmals zu solchen Dingen fähig sind?
Sie verabschieden sich. Das Zusammensein hat gut getan.
Erneut allein. Bilder der Erinnerung bedrängen mich. Ich sehe Jens als Kind vor mir, wie er mit seinem Bruder Ostereier suchte. Die Freudenschreie der beiden, wenn sie Süßigkeiten entdeckten, ich höre sie jetzt wieder. Viel mehr hätte man diese Zeit  genießen sollen.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Es klingelt. Thomas kommt mit Frau und  Tochter zu Besuch. Es ist schön, wenn wir zusammen sind. Allerdings spiele ich nicht so mit der Kleinen wie früher. Das Toben und die Ausgelassenheit misslingen. Ich erfreue mich an ihrer Kleinkindersprache. Sie kommentiert durchweg alles, was sie umgibt und was sie gerade macht. Sie plappert genauso ungezwungen daher wie einst Jens …

03.04.2015_Olli_Stele mit TriathlonanzugDie Drei, Melanie und Olli vom Düsseldorfer Triathlonverein kamen erst gestern aus Frankreich zurück. Auch sie standen vor der Stele in Le Vernet, nahe am Ort der Katastrophe. Sie schildern ihre Eindrücken und berichten, dass sie vor dem Gedenkstein den Triathlonanzug von Jens abgelegt haben. Er trug ihn gern bei seinen Wettkämpfen.

03.04.2015_Olli_Stele mit Triathlonanzug2.jpg

Es ist für keinen Angehörigen leicht, in die Nähe des Unglücksortes zu reisen. Und trotzdem suchen sie ihn auf, wollen ihn sehen, um das Ungeheuerliche zu verstehen. Es wird wohl für immer ein Versuch bleiben. Niemals werde ich es begreifen!
© Brigitte Voß

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